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gs:w:1984

1984 - Ein ungewöhnliches Olympiajahr

Lange liefen die Vorbereitungen auf diese Olympiade. Dann wurde klar, es gibt ein Boykott eines Teils der führenden Boxsportnationen. Für einige Länder führt das zu verstärkten Anstrengungen und zur Ausweitung der Teilnehmerzahlen. Die politischen Aspekte schränken den Sportverkehr der BRD und der DDR ein. Am Inter-Cup nahm der DBV nicht teil, weil er ein Trainingslager mit den Kubanern vorzog. Dafür gibt es Absagen des DABV für Turniere in der DDR. Gleichzeitig arbeiteten aber andere „Boxländer“ verstärkt mit dem DABV zusammen, wie Ungarn oder die CSSR. Auch hatte sich der Weltverband der Boxer, die AIBA, gegen Angriffe auf den Boxsport zu wehren. Als deren sichtbares Ergebnis werden größere Handschuhe, der Kopfschutz und veränderte Rundenzeiten geplant und später umgesetzt. Intern gab es eine intensive Suche nach Verbesserungen. Die Punkturteile sollen durch Kampfrichterschulungen einheitlicher werden, bis dahin sollte eine Jury die Urteile der Kampfrichter überwachen und auch korrigieren können. Der Arzt, der Ringrichter aber auch der Sekundant bekamen Hilfestellungen bei der Lösung ihrer Aufgaben. Das IOC befürwortete diese Schritte. Als AIBA-Generalsekretär hatte sich dabei K.-H. Wehr große Verdienste bei der Sicherung des Boxens im olympischen Rahmen erworben.

Im Bereich des DABV liefen die Vorbereitungen weiter. Die im Januar ausgetragenen Kämpfe der Bundesligen aber rüttelten am Konzept der Olympiavorbereitungen, denn nicht alle Olympia-Kandidaten verließen den Ring als Sieger. Waren sie durch das tägliche Training überfordert, überlastet? Auch der Länderkampf gegen die starke polnische Staffel brachte keinen Sieg (6:16), wenn auch nicht in Bestbesetzung angetreten werden konnte. Dagegen konnten sich beim Turnier in Maestre Zilonka, H. Gertel und Junger Medaillen sichern. Beim Bukarester Turnier reichte es nicht zu einer Platzierung. Beim stark besetzten Turnier in Halle erkämpfte Bott eine Silbermedaille. Erfolgreich verlief auch das Akropolisturnier. Hervorzuheben ist die Goldmedaille von Shilagi. Ab Juli trainierten ungarische Boxer und der DABV gemeinsam in Vorbereitung für den Olympiastart in Los Angeles. Über die Stärke der zu entsendenden Delegation gab es lange unterschiedliche Auffassungen. Als Kampfrichter war Kramheller eingesetzt. Als Trainer arbeitete Ranze und als „extra“ Offizieller Bundestrainer Wemhöner. Von den Boxer erhielten das Vertrauen: St. Gertel ( aber erst kurze Zeit vor der Abreise, da er sich bei einem Kampf in Danzig den Kiefer gebrochen hatte und so über lange Zeit nicht richtig wettkampfnah trainieren konnte), Gies, H. Gertel, Künzler, Zielonke,Bauer, Bott und Hussing.

Die Erwartungen, die der Sportwart formulierte, waren hoch. Er ging von zwei oder drei Medaillen aus. Doch die Wettkämpfe im Olympiaring sahen anders aus. Bis auf Zielonka mussten alle ihre Hoffnungen nach dem Viertelfinale begraben. Die Leistungen waren ansprechend, denn Gies scheiterte am späteren Olympiasieger, ebenso wie H. Gertel und Künzler. Pech hatte Zielonka, der wegen einer Verletzung aufgeben musste. Trotzdem erreichte er ein Bronzemedaille. Und gleich meldeten sich Stimmen, die ganz aus dem Olympiaprogramm aussteigen oder internationale Vergleiche einengen wollten. In der Analyse zu dem Ausgang der Olympiade wurden nur bereits bekannte Faktoren genannt, wie unzureichende psychische Stabilität, fehlende internationale Erfahrungen bei großen Turnieren, aber auch langfristige Planungen, die auch die regionalen Interessen berücksichtigen.

Ende September begannen bereits die Landesmeisterschaften in einzelnen Ländern, die sich dann über die Gruppenausscheidungen bis zum 21. November streckten. Das war der Beginn der Deutschen Meisterschaft in Duisburg. Von den „alten“ Leistungsträgern waren nur noch Gies, Künzler und Bott dabei. Die Gertel-Brüder, Zielonka, Bauer und Hussing fehlten. Einige Kämpfer wurden gesetzt, damit sie erst im Finale aufeinander treffen konnten. Bei den Finalkämpfen gab es nicht mehr die Reihenfolge entsprechend der Gewichtsklassen, sondern eine Mischung aus leichten und schweren Klassen im Veranstaltungsablauf. Trotzdem fehlte in der Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg zum Finale am 24. November die richtige Stimmung.

Den Titel konnten erkämpfen (ab Halbfliegengewicht): Dubielzig 5:0 PS, Schwing 4:1 PS, Maczuga 3:2 PS, Sliwinski Aufgabe -Sieg 3.R. , Gruben 4:1 PS, Gies 5: PS, Künzler 5:0 PS, Wildanger Abbr. 2. Rd. -Verletzung, Schoberth RSC-S., Spürgin 5:0, Seiler Aufg. Sieg 2. Rd., Geuß kampflos. Die Bewertung dieser Finalkämpfe erfolgte recht unterschiedlich. Von der positiven Bewertung der vielen jungen Kämpfer bis zum Tiefpunkt der Leistungen des Amateurboxens reichten die Urteile. Ob diese Leistungen wirklich so kritikwürdig waren, sollte sich beim Länderkampf gegen England bestätigen. Doch das Ergebnis lautete 16:8 für den DABV (zwei Kämpfe in Halbwelter- und Halbschwer- ohne Schwergewicht). Doch die Boxwelt war noch nicht in Ordnung. Wegen der angestrebten, aber nicht erreichten Leistungsziele, gab es Veränderungen in den Verantwortlichkeiten.

Der Wettkampfkalender der Junioren war gefüllt, jedoch nicht zu vergleichen mit den Anforderungen im Männerbereich. Der erste Schwerpunkt im Boxjahr waren die Landesmeisterschaften. Niedersachsen kämpfte die Titel in Celle aus. Dabei siegten Sportler, die in den späteren Jahren noch oft im Nationaldress standen (ab Fliegengew.): Schärffe, Janssen, Demir, Freese, Baranowsli, Daniels, Betten, Pompe, Henningsen, Schnieders und Herms. Aber nicht alle fanden wir bei den Juniorentitelkämpfen in Bergen wieder. Zu unterschiedlich waren die Erfahrungen und die Kampfbilanz der Starter. Zum Sieg konnten auch „Anfänger“ kommen. Im Halbfliegengewicht siegte Müller, der hatte bisher sechs Kämpfe (und auch sechs Siege) ausgetragen. Die Weiteren Titel erkämpften: Besken- 46 Kämpfe, Werner- 70 Kämpfe, Gradl- 68 Kämpfe, Parthenis- 58 Kämpfe, Mrozinski- 48 Kämpfe, Smith- 79 Kämpfe, Ottke-22 Kämpfe, G. Mieling-96 Kämpfe, Heinrich-13 Kämpfe, Müller- 15Kämpfe. Aber als sie dann am Juniorenturnier in Schwerin teilnahmen, stellte es an die fünf Vertreter des DABV zu hohe Anforderungen. Sie konnten in keine Entscheidungen eingreifen. Auch zur Europameisterschaft in Tampere reichte es nur für Parthenis einen Platz auf dem Siegerpodest (3. Platz). Als es am Jahresende wieder zum Länderkampf gegen Polen kam, sahen die Ergebnisse mit der knappen Niederlage von 10:12 und dem Unentschieden (10:10) recht versöhnlich aus.

Für den 11. und 12. Mai war Lahr in Bayern der Wettkampfort für die Austragung der Jugendmeisterschaften. Wie auch in den vergangenen Jahren traten in jeder Gewichtsklasse vier Starter an, die in den Gruppenkämpfen als Sieger hervorgegangen waren. Trotzdem gab es ein sehr unterschiedliches Ausgangsniveau. So hatten das Finale Karimi-Konstanz- 45kg-vier Kämpfe, Kratz-SC Colonia 75 kg-zwei Kämpfe und Merkl-Kostheim- über 75 kg- zwei Kämpfe erreicht. Dagegen starteten Kämpfer wie Frommbeck-Fürstenfeldbruck mit 57 Kämpfen. Durchgesetzt hatten sich am Ende doch die stärkeren Kämpfer, nicht aber immer die mit der meisten Kampferfahrung (ab Papier A): Mühlbauer, Keul, Edis, Sabato, Heidenreich, Kull, Obertshauser, Wiedemann, Frommbeck, Peltzer, Hagg, Kratz und Gaastra. Auf der Grundlage dieser Wettkämpfe entstand die Jugendrangliste, erstellt vom Jugendwart Maurath. Weitere Wettkampfchancen gab es z.B. bei Länderkämpfen. So siegten die Hessen bei einem Vergleich gegen Rhein/Ruhr/Wupper mit 10:12. Eingeschlossen in den Vergleich waren sowohl die Jugendlichen als auch die Junioren.

Die Schülermeisterschaften spielten in den Verbänden nur eine untergeordnete Rolle. Der Boxsport schrieb: „Niedersächsische Schülermeisterschaft ohne großes Niveau“, hätte aber bei genauerer Kampfbeurteilung doch viel differenzierter Urteilen können, denn es begannen viele Schüler mit dem Boxen, hielten das aber nicht bis zum Männeralter durch. Aber wir wissen ja aus der Trainingswissenschaft, dass bis zum 16. Lebensjahr die Grundlagen für die leistungssportliche Entwicklung ausgeprägt sein sollte.

Die Wettkämpfe der Vereine, die Leistungsvergleiche auch auf den unteren Stufen prägten, bestimmten überwiegend das Leben des Verbandes. Die Überschriften des Boxsports (20/1984) waren dafür ein ausgezeichneter Beleg: „Leonberger Talente in Wangen erfolgreich“ oder „Reineke beim Comeback von Fans gefeiert“ -aus Pfullingen gegen Pforzheim 14:10- und „Geier war gegen Kuza viel zu verbissen“- beim HABV-Ranglistenturnier.

Wie kompliziert die gesamte Situation im Boxsport sich zeigte, war an vielen Ereignissen abzulesen. So war der AIBA-Kongress im Rahmen der Olympiade von Differenzen geprägt 1). Der Amateursport diente vielen als Sprungbrett für einen Weg zu den Berufsathleten. Aber viele Talente gingen diesen Weg, ohne bereits erfolgversprechende Leistungen gezeigt zu haben. Sie fehlten dem Amateursport und kamen im Berufssport nie richtig an. In Deutschland wäre beiden Verbänden geholfen, wenn eine einheitliche Regelung den Übertritt gestalten könnte. Aber dieses Jahr zeigte, dass ein Olympia sich gegen politische Eingriffe nicht schützen kann und der sportliche Wert der Olympiade leidet, denn die Boxkämpfe in Havanna, als Gegenolympiade, hatten ein bedeutend besseres Niveau.


1) vgl.: Wehr, Karl-Heinz: 1968 bis 1998 in der Führungsetage der internationalen Boxföderation, Berlin, 1909
gs/w/1984.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:21 (Externe Bearbeitung)

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