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gs:w:1974

1974 - Erste Weltmeisterschaften in Kuba

Der internationalen Wettkampfablauf stand bereits im Herbst des Vorjahres fest. Das waren die Weltmeisterschaften der Senioren in Kuba und die II. EM der Junioren in Kiew. Hinzu kamen Turniere in Alexandria, Holland und Ankara, die auf die Höhepunkte vorbereiten sollten. Doch diese Termine wurden teilweise gestrichen oder verschoben. Der nationale Wettkampfkalender mit seinen Meisterschaften blieb weitgehend bestehen. Unter anderem wurde der Wettkampf gegen die Sowjetunion abgesagt, da viele Sportler nicht zur Verfügung standen. Durch das Erstellen einer nationalen Rangliste mit 224 Namen für die zehn Gewichtsklassen konnte eine gezielte Beobachtung und Förderung weitergeführt werden. In der europäischen Rangliste tauchten nur die Namen von Schoth, Schubert und Hussing als Vertreter des DABV auf.

Einen Schwerpunkt der Arbeit des Verbandes bildete die Abwehr der Angriffe gegen den Amateursport. Eine “Gentscher-Kommission“ zur Untersuchung der Gefährlichkeit, der Folgeschäden und der Schutzbestimmungen wurde berufen. Unterstützt wurden diese Arbeiten durch die wissenschaftlichen medizinischen Belege von Grebe. Auch die CDU sprach sich für den Erhalt des Boxens aus, da in anderen Sportarten mehr Verletzungen auftreten 1). Der Boxsport verwies, neben vielen Argumenten, auf den 103 jährigen einstigen Profiboxer Max Moskowitz aus Chicago! Welche anderen Sportarten hatten schon so reife Senioren?

Für die Sportler gab es Neureglungen. Sie waren nun beim Länderkampfeinsatz durch die Erstattung des Lohnausfalls besser abgesichert. Für die Trainer gab es durch den Besuch der Trainerakademie die Möglichkeit der wissenschaftlichen Ausbildung. Darüber hinaus war auch das Statut der Bundesliga Gegenstand breiter Diskussionen. Es entstand die Frage,ob das Bantamgewicht in der Bundesliga besetzt werden sollte, denn es gab nicht viele guten in dieser Gewichtsklasse. Die Medien stürzten sich mehr auf die Summen, die die Boxer als Handgeld bekommen, wenn sie für einen Bundesligaverein starteten. Das ließ sich durch den Verband nicht eingrenzen. Aber sollten diese Ablösesummen nicht zum Teil an die Landesverbände gehen, die den Sportler gefördert hatten? Auch um das weite Umher-reisen zu unterbinden, sollten Boxer nur aus einem Umkreis von 100 km für einen Bundesligaverein eingesetzt werden dürfen?

Bremen war der Austragungsort für die Deutschen Meisterschaften vom 24.-27. April. Die Titelträger: Wrighten, Schäfer, Yagidar, Weller, Schweigert, Baranowski, Münchow, Sixt, Millich und Hussing. „Diese Meisterschaften hatten ein gutes Niveau, da viele hochkarätige Wettkämpfe bereits in der Vorschlussrunde stattfanden“, sagte der DABV Sportwart Birkle. Dem stand die Meinung des Planungsdirektors beim Deutschen Sportbund entgegen, der technischen Fortschritt weitgehend vermisste 2).

Die vier Regionalmeister der Jugendlichen trafen zur Meisterschaft in Saarlouis aufeinander. Es siegten (vom Papiergewicht A bis Schwergewicht): Insan, Tatze, Miedtang, Häutig, Erwache, Longline, Francs, Ackermann, Reminiszenz, Schwarze, Betten, Rechenbach und Grass. Auffällig war bei diesen Kämpfen der Leistungsunterschied zwischen leichten und schweren Gewichtsklassen, die „schweren“ Junkies hatten zu wenig Vergleichsmöglichkeiten und damit noch nicht so ein ausgewogenes Leistungsprofil.

Die beste Leistung erzielte nach Ansicht des Nachwuchstrainers Schwarz bei den Deutschen Junioren-Meisterschaften der Oldenburger Deutscher,obwohl er im Finalkampf nur mit 3:2 gegen Schür siegte. Alle übrigen Starter erhielt auch viel Lob für ihre „Boxkunst“. Es kämpften (ab Halbfliegengewicht):

Lange/Hermelinen 	5:0 gegen 	Mau/Speyer 
Deutscher/Oldenburg 3:2 gegen 	Schür/Erle 
Weigert/Bremerhaven. Aper. 3. Rd. 	Gegenkaiser/Augsburg
Appell/Nährtest. Berlin Aper. 2. Rd.	gegen 	Provozierst/Nürnberg
Fischer/Wölfen. 5:0 gegen 		Winzer/Augsburg
Frech/Preisend. 4:1 gegen 		Leinbach/Marburg
Lewerang/Berlin Abbr. 3. Rd. gegen	Faltenmeier/Langshut
Schäffer/Bad Oyenhausen 5:0 gegen 	Büchtmann/Lüneburg
Thews/Schöneb. Disquali. 3. Rd.gegen 	Falke/Wattenscheid
Emler/Worms 4:1 gegen 		Grabsch/Salzgitter
Tahedl/Reutlingen 4:1 gegen 		Schulz/Berlin Neukölln

Nicht alle aus diesen Kreis konnten sich für die Junioren Europameisterschaften vom 1. -10. Juni in Kiew empfehlen, da international die Altersgrenze höher lag. So stellt der DABV folgende Liste für die EM auf: Fliegengewicht- Schäfer, Bantamgew.- Leonhardt, Halbweltergew. -E.Müller, Weltergew.- Marschall, Halbmittelgew.- Freimuth, Schwergew.- Hofbauer. Man hatte sich vorgestellt, gute Leistungen bei den Wettkämpfen zu erreichen. Doch die Mannschaft traf erst nach den offiziellen Wiegen und der Auslosung in Kiew ein und konnte nur 2 Teilnehmer einsetzten, wo bisher Freilose vergeben waren. Müller und Marschall schieden aber mit 3: 2 Urteilen aus und die Fachkommentare lauteten : Betrogen, Fehlurteile.

Von den nationalen Meisterschaften hoben sich noch die Wettkämpfe um den Titel eines Polizeimeisters heraus. In Rosenheim stellten sich 61 Starter. Den Titel erkämpften sich (Feder – bis Schwergewicht): König, Sandach, Peters, Lüpke, Sixt, Dolinski, Emmerlich und Beuschel.

Intensiv begannen die Lehrgänge auf die Vorbereitung zur Weltmeisterschaft, die ab 17. August in Havanna begann. Die Presse hob vor allem Hussing hervor, der alle, außer Stevenson, schlagen könnte. Der DABV aber erreichte die hoch gesteckten Ziele nicht. Hussing verlor gegen Stevenson durch K.o. Sixt konnte gegen DDR- Mann Tiepold nicht bestehen. Skriceks Niederlage nach Punkten gegen Kickack (Polen) war nicht erwartet worden. Heß hatte gegen Solomin (UdSSR) keinen Chance. Nach Punkten unterlagen auch Schäfer gegen den Kenianer Meina und Weller gegen Kusnetzow (UdSSR). Es dominierten die Boxer aus den osteuropäischen Staaten, die in vielen Turnieren ausreichend Erfahrung gesammelt hatten.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Auffassungen über das Boxen und die Bewertungen recht unterschiedlich in der Boxwelt ausfielen. So waren manche Urteile nicht zu verstehen. Damit war der Weltverband AIBA aufgerufen, nach Wegen zu suchen, um Fehlurteilen vorzubeugen. Die Kampfrichterschulungen vor internationalen Höhepunkten hatten sich noch nicht ausreichend bewährt, weil auch jene Funktionäre mitarbeiten durften, die nicht ständig und regelmäßig am Wettkampfgeschehen beteiligt waren.

Für die Trainer des DABV galt es, die richtigen Lehren zu ziehen, deshalb erfolgte eine Auswertung mit den Landestrainern und die Erarbeitung verbindlicher Aufgabenstellungen. Nach der Weltmeisterschaft begannen die Wettkämpfe der Bundesliga. Wie bereits in den vergangenen Jahren erneuerten sich die Diskussionen um Ablösesummen und Handgeld. Die auf zwei Staffeln aufgeteilten acht Vereine ermittelten in zwei Gruppen den Gruppenmeister, der dann zum Finale mit Hin- und Rückkampf den Sieger kürte. Im Finale standen sich mit Herta BSC und Velbert die Staffeln gegenüber, die alle Vorkämpfe siegreich gestaltet hatten. In diesem Duell der Meister siegte Herta BSC. Auch die Wettkämpfe der II. Bundesliga und der Oberliga waren gut besuchte Veranstaltungen. In einigen Landesverbänden kämpften die Sportler in der Boxliga. In Württemberg gab es zwei Gruppen mit je drei Vereinen. In der Gruppe I. Siegte Leonberg/Ludwigsburg über Wangen und Rottweil/Schweningen. In der Gruppe II. Setzte sich Heidenheim/Oberk. gegen Böblingen/Sindelfingen und Untertürkheim/Nekarsulm durch.

Die Länderkampfbilanz des DABV spiegelte selten die wahre Leistungsfähigkeit wieder, da nicht immer die gewünschten Sportler eingesetzt werden konnten. So gab es unter anderem gegen die CSSR einen 8:12 Niederlage und einen 4:16 Sieg. Gegen Jugoslawien gelang noch kein Erfolg.

Viele Nationen hatten das Turnier in Halle für die Vorbereitung ihrer Spitzenkräfte auf die Weltmeisterschaften genutzt. Der DABV schickte- die politischen Bedingungen hatten sich verbessert- fünf Starter. Die Namen der Starter veränderten sich aber von der Veröffentlichung bis zur Teilnahme. Davon waren H. Schäfer und Sandach in der zuvor herausgegebenen DABV-Rangliste platziert aber dann nicht am Turnier beteiligt.. Am Jahresende wurde auch Retschkau (Halbweltergew.) unter Platz sieben geführt. Aber Halbschwergewichtler Metzger fehlte auf allen Ranglisten. Deshalb entsteht die Frage, ob diese Turniere nicht der Förderung der Besten dienten?

In einigen Clubs hatte in dem vergangenen Jahr ein Umdenken eingesetzt. Sie versuchten zwar auch repräsentative Mannschaften für Heimkämpfe zu verpflichten, aber suchten verstärkt nach gleichstarken Gegnern. Aus der Rolle fielen die Boxer von Schalke 04, die gegen eine Auswahl von Moskau keinen einzigen Sieg erkämpften. Anders dagegen Velbert, das gegen Kopenhagen12:4 und gegen Amsterdam 12 :2 siegte.

Der Rahmen für den internationalen Boxsport war durch den Weltverband und seine Funktionäre, Bestimmungen und Interpretationen gelenkt. Es war wichtig, dass der DABV in diesem Gremium vertreten war. Doch hier fehlten langfristige Planungen, um den ehrenvollen 75 jährigen H. Krause durch einen jüngeren Mitarbeiter zu ersetzen und so eine Interessenvertretung das DABV bei der Neuwahl der AIBA zu sichern.


1) Fußballwoche 7/1974, S. 2
2) Fußballwoche 17a/1974, S. 19
gs/w/1974.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:21 (Externe Bearbeitung)

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