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gs:w:1957

1957 – Unentschieden gegen die Boxer der Sowjetunion

Das Boxjahr zeigte einen anderen als den gewohnten Verlauf, denn nicht die deutschen Meisterschaften, sondern die internationalen Wettkämpfe mit den Europameisterschaften bildeten den Höhepunkt des Wettkampfjahres. In Vorbereitung dazu waren Vergleiche mit den europäischen Spitzenmannschaften vorgesehen. Der erste Gegner war die polnische Nationalmannschaft. Nach gründlicher Vorbereitung ging der Wettkampf aber mit 4 : 16 verloren. Der nächste Gegner war das Weltklasseteam der Sowjetunion. An dem Training für den Wettkampf gegen die Sowjetunion beteiligten sich 35 Boxsportler. Es gelang im 1. Wettkampf ein 10 : 10. Das war ein toller Erfolg. Im zweiten Start, in dem andere Boxsportler starteten, konnte dieser Erfolg nicht noch einmal erreicht werden. Der Vergleich endete 18 : 2 für die Sowjetunion. Aber der Kräftevergleich mit den europäischen Spitzenmannschaften bestätigte den Boxern des DABV einen Spitzenplatz unter den europäischen Boxsportlern.

Wie ernst der DABV die Vorbereitungen auf die Europameisterschaften betrieb, zeigte der weitere Verlauf des Boxjahres, denn in die Vorbereitungsprogramme waren mehr als 40 Kämpfer einbezogen 1). Ohne den Stress von Qualifikationen in Landesmeisterschaften und Vergleichen auf Länderebene konnte eine zielstrebige Vorbereitung umgesetzt werden. Gleichzeitig fanden die noch nicht zur Spitze im Boxsport gehörenden Sportler Möglichkeiten, sich in Wettkämpfen der Länder und Clubmannschaften zu erproben (Südauswahl gegen Polen – 9 : 11 ; Halle – Allgäu- Auswahl, Berlin (Ost)- MABV Auswahl).

Im Düsseldorfer Eisstadion fanden am Ostersamstag die 20 Vorkämpfe für die Auswahl der Starter für die Europameisterschaften statt. Hier zeigte sich eine junge Garde, bereit, die Alten abzulösen. Doch im Finale, einen Tag später, waren die bewährten Kämpfer immer noch besser als die nachdrängenden Jungen. So siegten Homberg, Goschka, Mehling, Herper, Rogosch, Graus, Kienast, Schönberg, Krenz und Walloschek. Obwohl die Leistungen nicht hervorragend und vor allem die Konditionsmängel nicht zu übersehen waren, stand eine Spitzenmannschaft für die Europameisterschaft bereit. Die Erwartungen an die Leistungen der Boxer des DABV waren hoch. Sie bestätigten sich im Verlauf des Boxturniers der Prager EuropameisterschaftFetter Text, denn im Finale des Fliegengewichts schlug Manfred Homberg den Olympiazweiten Dobrescu (Rumänien).

51 kg - Freistadt mit seinem Freudensprung nach seinem Sieg im Finale

Im Weltergewicht konnte der Osterreicher Potesil den DABV Kämpfer Manfred GausFetter Text nichts entgegensetzen und der russische Kampfrichter brach den Kampf in der 3. Runde ab. Sie erkämpften zwei Europameister und 3. Plätze durch Goschka, Herper und Schönberg. Damit erreichen die Boxer des DABV das beste Ergebnis bei internationalen Turnieren nach dem Krieg. Eine Diskussion brach in Fachkreisen nach diesem Turnier aus. Die Kampfrichter waren nicht immer souverän den sportlichen Leistungen gefolgt. Sie seien „ Unfähige, Nichtsportler“ 2). Dann sollte lieber ein Ringrichter allein die Entscheidungen für den Wettkampf tragen 3).

Der Erfolg ist auch auf eine breite Nachwuchsarbeit zurückzuführen. Der Test für die Leistungsschau des Nachwuchses bildete immer die Juniorenmeisterschaften. Vom 06.-09.Juni trafen die in Gruppenausscheidungen siegreichen Junioren im Bremerhaven aufeinander. Bis auf Berlin (sieben Starter) traten alle anderen acht Gruppen in allen Gewichtsklassen an. Deutsche Juniorenmeister 1957 wurden:

Karb, Krammer III, Plaisand, Rüscher, Mairich, Auerbach, Schamong, Andresen, Dorloff und Polenz (Fliegen- bis Schwergewicht). Nicht die Leistungen der Junioren standen bei diesen Wettkämpfen in der Diskussion, sondern die Leistungen der Kampfrichter. Sie gipfelten in der Frage: Wer darf eigentlich bei Meisterschaften leiten?  Die einsetzende Härte hätte durch Kampfrichterarbeit unterbunden werden können.

Nach den Wettkämpfen der Junioren begannen die Ausscheidungskämpfe der Senioren um die Landesmeisterschaften.

In Berlin waren die Meisterschaftskämpfe bereits im Juni. Aber es fehlte die große Klasse. Als Sieger verließen den Ring: Kießling Fliegengew., Heidorn, Richter, Seidel, Dieter III, Studemund, Teuscher, Hoth und Walloschek. Über 5000 Zuschauer verfolgten im Berliner Sportpalast die harten Kämpfe, die technisch nicht an das Niveau der Vorjahre heran reichten.

Auch Bayerns neue Meister, Zettner, Seißler, Kramer, Wilkat, Biberger, S. Dietl, E. Dietl, Sladeczek, Herdegen und Witterstein bekamen in der Gesamtwertung nicht die Lobhymnen vergangener Jahre. Wenn in Schleswig-Holstein der 33-jährige Fischer den Titel im Halbschwergewicht errang, zeigte sich die fehlende jüngere Konkurrenz und eine Wachablösung konnte sich nur in einem Teil der Gewichtsklassen vollziehen. So siegte Kohlscheen über den erfahrenen Plechinger, und auch Paysan und Lutzke konnten sich der Jugend nicht erwehren. Den Meistertitel errangen: Friedrichs, Meier III, Johannsen, Hetzer, Enke, Kohlscheen, Ziegler, Boldt, Fischer und Drummer.

In Westfalen trugen die Gebrüder Johannpeter die Meisterschaften und beteiligte die übrigen Bewerber. Vier aus der Boxerfamilie beteiligten sich an den Titelkämpfen und alle vier wurden Westfalenmeister (vom Halbwelter- bis Mittelgewicht ). Hinzu kamen noch : Kruczik, Tänzler, Titz, Korinth, Rittmeyer und Tammen.

Als von 14. – 19. Oktober 1957 in der Kieler Ostseehalle sich die 128 Bewerber um den Deutschen Meistertitel trafen, waren Lücken in den Mannschaften der verschiedenen Landesverbände nicht zu übersehen. Die Berliner reisten nur mit vier Wettkämpfern an, Südbaden nur mit drei, Rheinland mit sechs und selbst Hessen konnte nicht alle Gewichtsklassen besetzen. Nur 35 Teilnehmer der Wettkämpfe des Vergangene Jahres konnten sich noch durchsetzen. Die Unterschiede in der Kampferfahrung waren gravierend. So gab es erfahrene Kämpfer wie :

Fischer 	  	        295 Kämpfe
Wagner			270	„
H. Jahannpeter		257	„
Roth			        256	„
und fast Anfänger wie :
Strauß			14 Kämpfe 
Karb			        15	„
Schwan	      		18														    

Die Meisterwürde errangen in der nicht ausverkauften Ostseehalle :Kruczik,Goschka,Krammer II, Herper, Roth,Johannpeter II, Meinhardt, Krenz und Pautz.

Da die Teilnehmer eine recht unterschiedliche sportliche Qualifikation zu den Meisterschaften mitbrachten, wurden Überlegungen angestellt, wie eine größere Attraktivität erreicht werden könnte. Ein Ausweg war der Vorschlag, acht gleichstarke Ländergruppen zu bilden oder in den einzelnen Gewichtsklassen Ranglistenkämpfe auszutragen.

Neben den deutschen Meisterschaften gab es aber immer noch die Deutsche Polizei-Box- Meisterschaft, die in diesem Jahr in Berlin stattfand. Waren bei den Kämpfen der Berufsboxer noch Zuschauerzahlen von 17 000 registriert, fanden sich bei diesen Amateurmeisterschaften doch noch 7000 Zuschauer ein, die schöne Kämpfe sahen, aber im Niveau nicht an die Leistungen der vergangenen Jahre heran reichten. Den Titel Deutscher Polizei-Meister im Boxen errangen (vom Feder- bis Schwergewicht ): Worn, Weichert, Orth, Zander, Hogh, Tenscher, Wittholz und Pautz.

Neben diesen vielen sportlichen Aktivitäten konnten auch viele Ansätze für eine Stabilisierung des Boxsports gefunden werden. Die Aktivitäten für die Gewinnung neuer Mitglieder breiteten sich über das Land hin aus. In einigen Gebieten fand der Boxsport wieder Eingang in den Sportunterricht der Schulen. Beim Jugendsportfest in Schleswig-Holstein zeigten 50 Jugendliche aus umliegenden Sportgemeinschaften ihr Können vor über 4000 jugendlichen Zuschauern. Doch auch die Vergabe von Freikarten bei Boxveranstaltungen an Klassen war eine effektive Werbung. Darüber hinaus konnten zentrale Werbetage für den Boxsport, durch die emotionale Gestaltung der Mannschafts-Meisterschaft, einen Beitrag leisten. Darüber hinaus sind Wege innerhalb des Boxverbandes angegangen worden, die Grundlagen für eine weitere Stabilisierung brachten, wie Übungsleiter- und Kampfrichterlehrgänge, Jugendlager.

Rechtswissenschaftler und auch Sportärzte äußerten sich zum Boxsport und stellten Fragen. So war unklar, ob es eine Haftpflicht bei einem Unglück im Ring, bei einem verspäteten Abbruch, oder bei falscher Auskunft des Aktiven gab. Aber auch die Verbesserung der Sicherheit im Ring mit einer Forderung nach einem Kopfschutz, einem festgelegten Umfang des Trainings für Anfänger, Schutzsperren und auch Auszählen am Rundenende, die Abschaffung des k.o. bei Junioren und die Abbruchmöglichkeit durch den Ringarzt waren die auffälligsten Veränderungen. Dass der Ringrichter nicht mehr mit punkten darf (eine Erfindung in der Zeit knapper Kassen und der steigenden Zahl von Veranstaltungen) , das Angebot von einem Mundschutz nach Maß 4) und Überlegungen für die Kennzeichnung von Meistern an der Boxkleidung zeigen die Überlegungen zur Festigung des Boxsports.

Da der Berufssport immer wieder die erfolgreichsten Amateure verpflichtete und so leistungsfähige und lukrative Veranstaltungen seltener wurden, drängten sich die Forderungen auf, durch Verhandlungen mit dem Verband Deutscher Berufsboxer zu Vereinbarungen zu kommen, das Amateure nicht vor Olympia und Europameisterschaften ins Profilager wechseln sollten. Es gab aber keine bindenden Absprachen.

Als der Boxsport noch in den Anfängen war, aber besonders nach 1954 finden sich international einige „wissenschaftliche“ Artikel, die auf die Gefährdung durch das Boxen verweisen. Dabei ging es nicht so sehr um die Wissenschaftlichkeit, sondern um die Sensation vom Tod im Ring 5).

Die Vergleiche von Mannschaften der beiden Sportverbände, des DABV und der Sektion Boxen der DDR, hatten sich ausgeweitet. Die Berichte in der Presse waren bis auf wenige Ausnahmen durch Sachlichkeit und Anerkennung der sportlichen Leistungen geprägt.


1) Boxsport, 14/57, S. 10
2) Boxsport 24/57; S.13
3) ebenda
4) Boxsport 27/57, S. 17
5) Boxsport, 40/57, S. 11
gs/w/1957.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:21 (Externe Bearbeitung)

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