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gs:w:1955

1955 BRD – 3 Europameister

Der Deutsche Amateur-Box-Verband erhielt nach 1927 wieder das Vertrauen ausgesprochen, Europameisterschaften in Berlin auszutragen. Diesem Ziel war der gesamte Jahresablauf untergeordnet. Die von der AIBA vorgegebenen Regelungen zum Boxsport ( 5 Punktrichter bewerten den Kampf, Sekundant darf Kampf abbrechen, stehend wird auch ausgezählt ) fanden Eingang in das Amateurboxen. Die technischen Vorbereitungen waren bereits im Januar weitgehend abgeschlossen. Doch die Propaganda gegen den Boxsport erhielt durch Veröffentlichungen und medizinische Untersuchungen neue Nahrung. Der amerikanische Professor Steinhaus erhob den Vorwurf, dass durch jeden Kopftreffer zwangsläufig Schäden am Gehirn verursacht werden 1). Untersuchungen im Boxsport des DABV konnten diesen Sachverhalt so nicht bestätigen. Als Gefahr wurde erkannt, dass eine Summe von Treffern in kurzer Zeit zu einem „Anschwellen der Störungskurve“ 2) führt. Die Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen für den Boxverband :

  • Sauberes technisches Boxen sollte im Vordergrund stehen
  • Bei Kopftreffern gibt es keine zusätzlichen Punkte für Wirkung
  • Der Ringbodenbelag muss eine Verletzung des Kopfes beim Berühren des Bodens vermeiden
  • Die ärztliche Überwachung, bereits in den Voruntersuchungen, sollte auch eine röntgen-technologische Begutachtung beinhalten.

Weitere Veröffentlichungen über die Gefährdung durch Boxen brachten Verunsicherungen 3), aber bestätigten die realisierten Schutzbestimmungen im Boxsport.

Wie in jedem Jahr bildeten die Meisterschaften den Höhepunkt im nationalen Sport, denn die zehn Amateurboxmeister gingen aus 2097 Startern hervor. Aus der im Boxsport veröffentlichten Übersicht sind die Meisterschaftsteilnehmer der Senioren der einzelnen Landesverbände abzulesen. Die meisten Teilnehmer an der Ländermeisterschaft stellten: Niederrhein mit 359 Startern, gefolgt von: Bayern mit 262 Startern, Westfalen mit 251 und Württemberg mit 198 Kämpfern. Das zeigt aber auch, dass die Sieger der Gruppenkämpfe unterschiedlichen Anforderungen unterworfen waren. Die Fliegengewichtler hatten in der Gruppe West (Mittelrhein, Niederrhein und Westfalen) 17 Bewerber, im Weltergewicht jedoch 111. Diese weit auseinander gehende Teilnehmerzahl spiegelt sich bei den Deutschen Meisterschaften wieder, wo im Fliegengewicht 80 und im Weltergewicht 316 Bewerber antraten. War der Titel eines Fliegengewichtlers damit weniger Wert, als der eines Weltergewichtlers?

Die Kämpfe in den Bezirken waren hart und nur relativ ausgeglichen. So konnten sich bei den Ruhrbezirksmeisterschaften Schachulski, Hahner, Rings, Rauen, Auth, Roder, Nüsse, Soodmann, Krenz II und Drabes durchsetzen. Nicht über die Runden gingen die Vergleiche im Fliegen-, im Mittel-, im Halbschwer- (Verletzung )- und im Schwergewicht. Nicht in allen Bezirken waren ausreichend junge Athleten vertreten, um die „Alten“ zu verdrängen. So konnte sich bei den Kasseler Bezirksmeisterschaften der über 40-jährige Willi Stasch durchsetzen, der einige Zeit später gegen Sonntag von Blau Weiss Osnabrück seinen 693 Kampf bestritt.

In Berlin erschien ein eigenes Amtliches Nachrichtenblatt: Der Amateur – Boxer. Darin waren aktuelle Hinweise ebenso enthalten wie die Ergebnisse der Berliner Boxvergleiche. So war es möglich, eine eigene Linie zwischen den beiden Boxverbänden in Deutschland zu verfolgt.
Die Deutschen Meister 1955 des DABV mit Basel, Schwarz, Mehling, Rauen, Boveleth, Heidemann, Rienhardt, Melchior, Schoeppner und Schreibauer verkörperten europäische Spitzenklasse.

Diese hervorragenden Leistungen bestätigten sich durch die Ergebnisse der vom 27. Mai bis 5. Juni in Berlin stattfindenden Europameisterschaft, denn Basel, Kurschat und Schöppner werden Europameister. Der DDR- Meister Nitschke verliert im Finale gegen Schöppner. Aber das Ergebnis dieser Wettkämpfe hätte noch besser aussehen können, wenn Wemhöner nicht durch ein umstrittenes Urteil ausgeschieden wäre. Die Rahmenbedingungen für diesen Wettkampf in der geteilten Stadt Berlin waren gut und sicherten einen vollen Erfolg für den Veranstalter.

Das Verbandsleben war durch die vielen Kämpfe auf den unterschiedlichsten Ebenen gekennzeichnet. Den größten Umfang erreichten die Mannschaftsvergleiche verschiedener Clubs. So schlug Köln Koblenz nach „farbigen Kämpfen“ mit 15 : 5, Barmen unterlag den Box-Club Rüsselsheim, Glückauf Lintfort siegte gegen Viktoria Wehofen. Begeisterungsstürme lösten die Wettkämpfer des Dülkener Boxclubs gegen die Kampfgemeinschaft Viersen-Neuß aus. Über 1000 Zuschauer am Ring bei Heros Essen gegen ABC Goch. Die Mannschaftsmeisterschaft in den Ländern brachte unterhaltsame Boxveranstaltungen. In der württembergischen Vereinsmeisterschaft konnte sich Neckarsulm zum sechsten Male den Titel gegen Prag Stuttgart und Aalen sichern.

Wettkämpfe mit Mannschaften aus der DDR und vielen ausländischen Mannschaften waren auf allen Ebenen zu finden. So unter anderem: Stadtauswahl Hamburg – Stadtauswahl Warschau ( 5: 15 ) Rotation Berlin – Holstein Boxring Kiel ( 9 : 11 ) Boxring Frechen – Holländische Auswahl ( 11 . 5 ) Rottach –Egern – Empor Nord Berlin (6 : 12 ) Da die Auslandsstarts immer ein Spiegelbild des Leistungsstandes des Verbandes abgaben, durften nach einer Festlegung des Technischen Ausschusses des DABV nur noch qualifizierte Boxer im Ländervergleich starten 4).

Im Juli 1955 fand in Reutlingen die I. Deutsche Jugendwoche der Turn- und Sportjugend statt. 2000 Jungen und 1000 Mädchen stellten sich in Sportwettkämpfen vor. Auch der Boxsport fehlte nicht. An drei Tagen kämpften die Jugendlichen um den Sieg. Viele Namen von Boxern, die in späteren Jahren im Boxsport allen bekannt wurden, traten hier an die Öffentlichkeit (Sieger zuerst genannt ) :

Fliegengewicht :	Thumann Schleswig-Holstein	- 	Eggers  Niedersachsen 
Bantamgew.: 		Nielsen Schleswig-Holstein	-	Müller  Südwest
			Neu 	Württemberg		-	Hangel  Bayern
Federgew.:		Schmitt Südwest	        	-	Lüders  Schleswig-Holstein	  
Leichtgew.:		Schulz  Südwest	           	-	Höfer   Schleswig –Holstein
Halbweltergew.: Unentschieden trennten sich 
			Hamann  Niedersachsen und Pschorrmaier  Bayern
	 		Schäfer  Südwest und Urbschat  Schleswig Hollstein.

Im Weltergewicht siegten: 
			Eichelberger  Südwest und Wegner  Berlin
Halbmittelgew.:		Marx  Südwest 	           	-	Marände  Berlin
Mittelgew.:		Kaminski  Schleswig–Holstein	-	Müller  Südwest
Halbschwergew.:		Heitmann-Schleswig-Hollstein	-	Schäfer – Südwest
			Mildenberger – Südwest        	-	Staninda – Berlin
			Kraft – Rheinland 		-	Dopke–Schleswig-Holstein  unentschieden

Dem Höhepunkt in den Kämpfen um die nationalen Meisterehren der Junioren gehen in jedem Jahr auch die Ausscheidungen auf den unteren Ebenen bis hin zu den Gruppenkämpfen voraus. In diesem Jahr errangen den Titel: Sperzel, Bley, Michalski, Mahlberg, Aigner, Stratmann, Ducree, Klemm, Wollnik und Spieß. Immer wieder äußerten sich Funktionäre zur Jugendarbeit 5). Die Festlegungen zur Förderung der Technik und deren Hervorhebung bei der Bewertung sollte technisches Boxen fördern. Die Wertung von K.o. bei Jugendlichen bis 16 Jahren entfiel. Das erforderte ein Umdenken bei Trainern, Sportlern und in der Erziehung der Zuschauer. Dabei war zu berücksichtigen, dass ein Angriffsboxen nach den Regeln der AIBA eine höhere Bewertung erhielt, als ein Verteidigungsboxen. Somit mussten die Techniken so vermittelt werden, dass eine Dominanz im Ring erreicht werden konnte.

Als Einzelmeisterschaft gab es noch die Polizeimeisterschaft. Hatten sich doch die Berliner Polizisten Wolfgang Engel und Rudi Sawitzki bei den offenen Londoner Polizeimeisterschaften bereits 1954 den Titel gesichert. Dagegen setzten sie sich bei den Deutschen Polizeimeisterschaften im November in der Bremer Sporthalle nicht mehr durch. Meisterwürden errangen (ab Federgewicht ) : Pautz, Kopitschke, Hogh, Kröger, Zander, Orth, Bieber und Schmitz.

Trotz dieser Breite im Amateurboxsport erstaunt es den Betrachter, dass die staatliche Verwaltung die sportlichen Veranstaltungen immer noch mit Vergnügungssteuer belegte. In Schleswig–Holstein waren die Amateure ab 1. April 1955 von dieser Steuer befreit. Eine andere Position finden wir als Einzelfall in Irland. Dort hatte sich der Stadt-Pfarrer Harte als Punktrichter der Reise mit seiner Mannschaft nach Stuttgart und Rottweil angeschlossen, ja er gab sogar eine Messe für seine Boxer in Rottweil. Das zu einer Zeit, in der in der Bundesrepublik der Wert des Boxsports selten eine öffentliche Wertschätzung erhielt.


1) Boxsport 30/55, S. 10F
2) ebenda
3) Boxsport, 48/55, S. 10
4) Boxsport 42/55, S. 10
5) Boxsport 40 /55, S. 10
gs/w/1955.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:21 (Externe Bearbeitung)

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