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gs:o:1990

1990 - Neue Wege

Die Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld der DDR im Jahre 1989 führten auch im Bereich des Boxsports zu Anpassungen, die auf die Vorteile des staatlich finanzierten und geförderten DDR-Sport verzichteten. Auf die Reglungen in den Großbetrieben, die den Sport in den Rahmenkollektivverträgen verankert hatten, konnte mit der Destabilisierung der Wirtschaft keiner mehr bauen. Die Führungsspitze des DDR Sports wurde aus dem DTSB Bundesvorstand entfernt (27.01.91).

Nach dem Sturz des Präsidiums des DBV anlässlich der DDR Meisterschaften 1989 in Rostock erfolgten die Einladungen zu dem vorgezogenen 8.Verbandstag für den 17.02. in die DHfK nach Leipzig. Rückblickend bekannte sich der langjährige Präsident des DBV, Prof. Dr. Schwidtmann, zu dem Missverhältnis von Breiten- und Leistungssport. Für seine Verdienste um die Entwicklung des Boxsports erhielt er neben W. Behrendt, Buschendorf und Mainschack trotzdem ein klares Votum als Ehrenmitglied des DBV.

Der Verbandstag wählte als Präsidenten den Organisator des Berliner Turniers Manfred Bergs und als Vizepräsidenten Prof. Dr. Kirchgässner und Dr. Sachse. Hauptamtlich angestellte Mitarbeiter waren nicht mehr Mitglied im ehrenamtlichen Präsidium. Als Generalsekretär des Verbandes wurde Hönicke bestätigt. Die Zusammenarbeit mit dem DABV wurde durch Beratungen von 1989 in Karlsruhe im März in West-Berlin, im Mai in Ost-Berlin und im Juni in Karlsruhe fortgesetzt.

Eine Rolle in der Vermittlung zwischen beiden Verbänden und einen entscheidenden Beitrag zur Festigung des Boxsports im Deutschland leistete der damalige Generalsekretär des Box-Weltverbandes, der AIBA, Karl-Heinz Wehr. Der Boxsport1) bestätigte ihm: „ In den vielen Jahren des Wirkens von Karl-Heinz Wehr gehörte die Einführung verbesserter Wettkampfbestimmungen zum Schutz der Boxer als oberstes Ziel. Wenn Boxen Olympische Sportart bleibt, dann ist das im Wesentlichen auch sein Verdienst“.

Mit der Verabschiedung des Vereinsgesetzes melden sich die meisten Vereine als selbständige Körperschaften an. Ab dem 19.06.1990 kündigte der DTSB eine 10500 Mitarbeiter umfassende Entlassungswelle an, die weitgehend den Leistungssport und den Kinder – und Jugendsport der DDR ihrer Funktionäre und Trainer beraubt, ohne Ausgleichsvarianten zu suchen. Mit der Beschlagnahme des DTSB-Vermögens am 21.06.1990 war der Verband weitgehend handlungsunfähig. Die Vorstellung eines Vereinigungspapiers von DTSB und DSB folgen der Logik eines Beitritts unter föderativen Strukturen mit dem Ziel, eigenständige Sportverbände zu bilden. Nach der weitgehenden Einigung der beiden NOK über den Weg des Anschlusses (17.08.1990) wurde ein einheitliches NOK am 17. Nov. 1990 gebildet. Im September beschließt der DTSB sich selbst aufzulösen, nachdem bereits der erste Landessportbund nach westdeutschem Vorbild entstand. Im Oktober erfolgten Anträge für die Aufnahme in den DSB.

Vielfältige Aktivitäten zur Neugründung der Landesverbände waren notwendig. Die Präsidenten der Landesverbände sollten im Präsidium des DABV mitarbeiteten. Um die Zusammenarbeit mit dem DABV zu gestalten, war bis zum 30.September eine Konzeption für das Zusammenführen beider Verbände auszuarbeiten.

Auf der 5. Tagung des Präsidiums des DBV sind in einem Arbeitsbericht die Ergebnisse der Umgestaltung aber auch die Erfolge des Boxsports kurz skizziert.

Die sportliche Arbeit ging trotz der politischen Umgestaltung bis zum Sommer in erprobten Bahnen weiter.

Sven Lange besiegte beim Challenge-Cup in Berlin am 04.03.1990 den Mittelgewichtsweltmeister Kurnjavka - hier mit seinem Klub-Trainer Otto Ramin und Verbandstrainer Günter Debert

Die Meisterschaften der Altersklasse 14 starteten in Erfurt und Neubrandenburg. Das langjährig bewährte Trainingslager für die Altersklasse 13 und die Austragung der Meisterschaft in Graal-Müritz erfolgten wie bisher. Für den Start an den Jugendwettkämpfen der Freundschaft in der Mongolischen Volksrepublik fehlten die Finanzmittel. Für die Junioren-Europameisterschaft waren die Mittel vorhanden. Dagegen fielen die Deutschen Meisterschaften der DDR wegen fehlender finanzieller Unterstützung aus (Die Gelder des DTSB standen nicht mehr zur Verfügung ).

In den Vereinbarungen beider Verbände sollte die Meisterschaft ab 1991 in der ersten Stufe im regionalen Bereich ausgetragen werden. Nach Diskussionen einigte man sich auf einheitliche Altersklassen (nachdem ein Vorstoß - die Jugendlichen der Sportclubs sollten ein Jahr jünger sein als die anderen Sportler - abgelehnt wurde). Schwer tat sich die Verbandsführung mit der Austragung der internationalen Turniere auf deutschem Boden. Die Planung für das Intercup- Turnier und das Berliner TSC Turnier sollten fast zum gleichen Termin stattfinden, was eine Teilnahmebeschränkung für die Boxer bedeutete und auf eine Konkurrenz der beiden Turniere hinauslief. Dennoch war das TSC Turnier ein voller Erfolg.

Einigten sich die Vertreter beider Seiten auf ein Zusammenlegen von Boxring und Boxsport und die Einstellung der Zeitung Boxring, gab es in anderen Bereichen diffuse Vorstellungen. So sollte das 5-jährige Hochschulstudium an der DHfK in Leipzig (eine der wenigen Stellen in der Welt, die sich mit der leistungssportlichen Entwicklung des Boxens beschäftigte und eine Vielzahl von Publikationen zu Spezialgebieten veröffentlichte) mit einer Übungsleiter B-Lizenz gleichgestellt werden. Am Ende einigten sich aber beide Seiten auf praktikable Wege.

Der sportpolitische Höhepunkt war der Beitritt der fünf neu gegründeten Landesverbände zum DABV auf dem außerordentlichen Kongress am 08.12.1990. Auf einen Einigungsvertrag hatten langfristig die Präsidenten Maurath und Bergs hin gearbeitet. Die Vorsitzenden der fünf neuen Landesverbände sollten auch als ordentliche Mitglieder im Präsidium des DABV mitwirken. Ein gemeinsam erarbeiteter Finanzvorschlag, Beratungen zu internationalen Fragen und eine Finanzhilfe für die neuen Landesverbände sicherten Übergangsreglungen. Doch bereits vor der Vereinigung gab es Dissonanzen. Das führte auch zur Niederlegung des Amtes von Präsident Bergs und die Weigerung im DABV mitzuarbeiten Der sportliche Höhepunkt, einen Tag vor dem Beitritt der Landesverbände, war der der Vergleichskampf zwischen den Staffeln des DBV und dem DABV. Hier spielte nicht das Ergebnis die entscheidende Rolle, sondern die Sichtung der der besten Boxer für die kommenden Aufgaben.


1) 17/1990, S. 24
gs/o/1990.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:21 (Externe Bearbeitung)

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