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1945 – Boxverbot in der sowjetischen Besatzungszone

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands waren alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens stark eingeschränkt. Die Produktion war durch die Zerstörung weitgehend eingestellt. Kulturelle Leben existierte nur lokal begrenzt.

Die Bedingungen für die Sportausübung waren im bisherigen Rahmen nicht mehr gegeben. Berlin hatte vor dem Krieg 548 Sporthallen. Nach dem Krieg war keine mehr nutzbar. Dennoch regten sich bereits im Mai 1945 jene Sportler, die den Boxsport wieder aufbauen wollten.

Alfred Mühlheim aus Leipzig führte bereits am 6. Mai 1945 im Mariannen Park in Leipzig wieder eine Box-Werbeveranstaltung durch. Auch Übungsstunden begannen in der Torgauer Straße. Die erste Veranstaltung folgte am 02. September 1945. Zwei Monate später, am 22.Nov. 1945 boxte Leipzig gegen Lößnitz. In Dresden starteten im Rahmen der I. Sportwoche im August 1945 auch die ersten Wettkämpfe. In Berlin beginnt im Juli 1945 im Momsen-Stadion der Boxsport. Unter der Leitung des von Sportlern gebildeten Berliner Sportamtes wurden Boxveranstaltungen in Lichtenberg und Prenzlauer Berg organisiert. Am 28.07.45 fand in Neuköln der erste Boxabend statt.

Diese Entwicklung wird durch die Alliierten mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 2, vom 10.Oktober 1945, abgebrochen. Es folgte ein Verbot des Wirkens aller aus dem Faschismus stammenden Organisationen, einschließlich der des Sports.

Diese Festlegung ließ am Anfang aber noch Spielräume offen. So konnten die Magdeburger Boxsportler am 25.11.1945 vor 500 Zuschauern den Wettkampf gegen Staßfurt mit 12 : 8 gewinnen. Der Rückkampf am 07.12.1945 brachte für Magdeburg sogar einen 12 : 4 Erfolg. Auch in Chemnitz begannen frühere Arbeitersportler, Fred Hanke, Alfred Wendhaus und Willi Perlitz, mit dem Training und der Organisation der Sparte Boxen. Aktivitäten zum Aufbau des Boxsports gab es inzwischen in vielen Städten, so in Pirna, Freiberg und Görlitz.

In der Kontrollratsdirektive 23 vom 17. Dezember 1945 über die „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland“ wird allen bisherigen Organisationen die Betätigung untersagt und ihre Auflösung bis zum 1. Jan. 1946 festgelegt, eine Neuorganisation des Sports angeregt und die Betätigung auf lokale Ebene beschränkt.

Der Berufs- oder Profisport war von dieser Verbotsreglung nicht betroffen, da er als kommerzieller Wirtschaftszweig galt. Er konnte sich ungehindert ausbreiten und zog viele Amateurboxer in das Profilager, die dort eine Möglichkeit sahen, den Lebensunterhalt zu verdienen. Denn Berufsboxveranstaltungen fanden viel Zuspruch.

In Gebieten, wo boxsportbegeisterte Amateure mit den sowjetischen Besatzungsbehörden zusammenarbeiteten, konnten sich neu Organisation bilden. Diese bereiteten sich auf Wettkämpfe vor. So in Freital unter der Leitung von Herbert Kresalek.

Die „Leipziger Volkszeitung“ organisierte bei ihrem Pressefest eine Sportveranstaltung. Unter Leitung von E. Mühlheim, dem Punktrichter Lohfink und den Ringrichtern Krayczy und Lindemann, fand ein öffentliches Boxen statt. Beim Pressefest der Zeitung „Freiheit“ startete am 07.Sept. 1946 Ammendorf gegen Leipzig, nachdem vorher bereits in Leipzig, Kelbra und Barby boxen konnten. Auch in Pirna wagten sich die Boxer unter der Leitung von W. Schäl im September 1946 in die erste öffentliche Veranstaltung.

Mit der Gründung der FDJ am 07. März 1946, die eine stärkere Entfaltung des Sports proklamierte und Unterstützung der neuen Verwaltungsorgane und der sowjetischen Besatzungsmacht erhielt, übernahm sie eine Führungsposition in der Gestaltung des Jugendsports.

1948 hatte die FDJ durch Verhandlungen mit der sowjetischen Militäradministration die Erlaubnis für die Ausweitung des Sports auf die gesamte Besatzungszone erreicht. Um die zentrale Führungsposition im Sport zu sichern, orientierte die SED- Führung die FDJ und die Gewerkschaft zum Aufbau einer einheitlichen Sportbewegung. Mit dem Aufruf zur Gründung der Demokratischen Sportbewegung vom 01. August 1948 und der Konstitution des Deutschen Sportausschusses am 01. Oktober 1948 erfolgte eine weitgehende Zielorientierung für den Aufbau des Breiten- und Leistungssports. Der Startschuss für den Boxsport erfolgte erst 14 Tage später, denn am 15.Oktober 1948 wurde auch der Boxsport offiziell in der Sowjetischen Besatzungszone wieder zugelassen.

Die große Ausbreitung des Boxsports bis 1945 und das Werben vieler Männer, Jugendlicher und Kinder für die Boxausbildung und die Wettkampftätigkeit, die vielen Veranstaltungen der Berufsboxer in den vergangenen zwei Jahren (über 300 Veranstaltungen) hatten ein Interesse am Boxsport erhalten. So ist es zu verstehen, wenn sich innerhalb kurzer Zeit in allen Ländern der Sowjetischen Besatzungszone Boxsportmannschaften bildeten.

Allein in Sachsen konnten innerhalb eines Jahres 116 Boxabteilungen gegründet werden. Sie reichten von Leipzig über Jena, Apolda bis Sömmerda, von Gera über Freital, Pirna, Dresden bis Görlitz. In Sachsen-Anhalt gründeten sich Boxmannschaften in der Schuh-Metropole Weißenfels, aber auch in Dessau und Naumburg.

Im Brandenburger Land entstanden Boxteams in Brandenburg, Neuruppin, Perleberg, Stendal und Potsdam. Unter der Leitung von Charly Lüdtke wurde Aufbauarbeit in Wittenberge geleistet. Die Sportgemeinschaft Cottbus–Ost konnte drei Monate nach der Gründung im November 1948 ihren ersten Wettkampf bestreiten. Aber auch in Guben, Schwarzheide, Forst und Lauchhammer belebten Boxgemeinschaften die Sportlandschaft.

Die Mecklenburger hatten bereits ihren ersten großen Start vor 3000 Zuschauern im Juli 1948, als die Aktiven von Schwerin und Wismar aufeinander trafen. In allen größeren Städten , von Saßnitz über Rostock, Stralsund , Anklam, Greifswald, Güstrow bis Putbus und Bergen fanden sich aktive Boxer zusammen.

Ziel in all diesen Sportgemeinschaften war das Wettkampfboxen. Doch nicht immer waren geschulte Trainer und Organisatoren dabei. So gab es bei diesem Neuaufbau viele Reibungsverluste. Sie reichten von nicht ausreichend ausgebildeten Aktiven über schwache Kampfrichterleistungen bis zu Mängeln in der Organisation der Veranstaltungen. Die materielle Basis war noch immer unzureichend. Noch 1948 wurde als Erfolg gesehen, dass Sportschuhe auf Bezugsschein ausgegeben werden konnten.

Berlin Bedingt durch die Teilung Berlins in unterschiedliche Besatzungszonen mit differenzierten politischen Zielen war auch der Sport verschiedensten Kräften unterworfen.

Die Sportvereine in den Westsektoren durften bereits seit März 1947 wieder aktiv werden. Die organisatorische Einheit für den Berliner Boxsport sollte der im November 1948 gegründete „Arbeitsausschuss Berliner Amateurboxer“ unter der Leitung des Mitbegründers des Berliner Amateurboxverbandes Mandlar bringen. Ein Jahr später erfolgte die Gründung des Sport-Verbandes- Großberlin 1). Der Berliner Boxverband schließt sich dem Deutschen Amateur-Box-Verband an. 1949 gab es eine Berliner Meisterschaft in den acht Gewichtsklassen. Es siegten Fliegen-bis Schwergewicht: Kardolski–Astoria, Strahl-Spandau, Claer-PSV, Pörtner- Volkspolizei, Reh-Astoria, Schellin-Herta, Imann-Sparta, Waßling- Borussia.

Im Ostteil hatte sich eine neue Organisationsstruktur herausgebildet. Lokale Sportgruppen entstanden, die sich den Betriebs-Sport-Gemeinschaften (BSG) anschlossen. Diese werden vom Deutschen Sportausschuss unterstützt.

Damit war der Berliner Boxsport bereits gespalten. Im Osten Berlins entstanden 20 Boxgemeinschaften. Diese führten Anfang 1949 die ersten Veranstaltungen durch. Am 13. Februar 1949 waren 3000 Zuschauer die Kulisse im Friedrich-Stadt-Palast für den Wettkampf Chemnitz gegen eine Staffel der Berliner Volkspolizei (Ergebnis: 5: 11). Der SC Weißensee hatte im Mai und die BSG Glühlampenwerk im September 1949 ihren ersten Heimkampf. Durch den Wechsel der Trägerschaft einzelner Vereine, andere Zuordnungen oder nur die Suche nach den günstigsten Bedingungen für die Realisierung des Sports führte für einzelne Staffeln zum Namenswechsel. So wird aus der BSG Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) später die BSG HO (Handelsorganisation ) und nach einem weiterem Wechsel die BSG Empor Nord Berlin.

Berlin war zum Jahresende 1949 eine Hochburg des Boxsports. Es hatte die meisten Veranstaltungen der Berufsboxer, eine starke Ausbreitung des Boxsports im Westteil der Stadt und starke Boxsportgemeinschaften in Ost-Berlin. Hinzu kamen noch private Boxschulen, vorwiegend zur Förderung des Berufssports, doch auch Amateure nutzen die Trainingsstätten zum Beispiel von Bruno Schmidt in der Frucht- und von Fritz Huhn in der Tieckstraße.

Nach Verhandlungen über Gesamtberliner Meisterschaften begannen im Juni die Vorrunden. Die Meister sollten sowohl an den Endrunden in München im Rahmen des DABV als auch in Erfurt unter der Leitung des DS teilnehmen. Unter Umgehung des DS wurden die Vereine Ostdeutschlands eingeladen, an den Veranstaltungen in München teilzunehmen. Als Folge dieses Schrittes beteiligten sich keine Ost- Berliner Meister an den Kämpfen in München.


1) Vgl.: Keiderling, Gerhard:Vertreibung oder kalkulierter Rückzug: Zur Spaltung der Berliner Stadtverwaltung vor 50 Jahren
gs/o/1945.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:20 (Externe Bearbeitung)

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